Moody, Dwight Lyman - Belohnter Glaube

Und es begab sich auf einen Tag, dass Er lehrte, und saßen da die Pharisäer und Schriftgelehrten, die da gekommen waren aus allen Märkten in Galiläa und Judäa und von Jerusalem. Und die Kraft des HErrn ging von Ihm und half Jedermann. Und siehe, etliche Männer brachten einen Menschen auf einem Bette, der war gichtbrüchig, und sie suchten, wie sie ihn hinein brächten und vor Ihn legten. Und da sie vor dem Volk nicht fanden, an welchem Ort sie ihn hinein brächten, stiegen sie auf das Dach und ließen ihn durch die Ziegel hernieder mit dem Bettlein, mitten unter sie, vor Jesum. Und da Er ihren Glauben sah, sprach Er zu ihm: „Mensch, deine Sünden sind dir vergeben.“ (Luc. 5, 17-20.)

Alle drei Evangelisten, Matthäus, Marcus und Lukas, erzählen dieses Wunder. Ich habe beobachtet, dass, wenn zwei oder gar drei der Evangelisten ein und dasselbe Wunder erzählen, es ihnen daran liegt, irgendeine wichtige Wahrheit klar zu machen. Es scheint mir, als sei die Wahrheit, die der HErr uns hier lehren will, folgende: Er lohnt den Glauben der vier Männer, die Ihm den Gichtbrüchigen brachten, damit Er ihn heile. Ob der Gichtbrüchige selbst Glauben gehabt habe, wird uns nicht gesagt. „Als Er ihren Glauben“ sah, offenbarte Er Seine Macht und heilte den Kranken.

Ich möchte daraufhin allen christlichen Arbeitern sagen, dass, wenn der HErr unsern Glauben für die, die wir gesegnet wissen möchten, sieht, Er ihn annehmen wird. Er hat bisher niemals den Glauben Seiner Kinder getäuscht. Ihr könnt in der ganzen Bibel kein Beispiel finden, wo irgendein Mann oder eine Frau wahren Glauben zu Gott gehabt hätten und er wäre nicht belohnt worden. Nichts freute den HErrn auf dieser vom Sündenfluch belasteten Erde mehr als der Glaube Seiner Jünger, nichts Andres erfrischte Sein Herz so sehr!

Wir lesen in der Evangelien-Erzählung, dass um diese Zeit eine große Bewegung in der Stadt Kapernaum stattfand. Einige Wochen zuvor war der Heiland aus Seiner Vaterstadt Nazareth ausgewiesen worden. Er war nach Kapernaum herabgekommen und erregte die ganze Gegend. Sein Stern war im Steigen, und Sein Ruf verbreitete sich allerorts. Die Schwiegermutter des Petrus war durch Sein Wort geheilt worden. Der Knecht eines römischen Hauptmanns war vom Siechbett erstanden, und der Heiland hatte auch sonst noch viele wunderbare Taten getan. Männer aus allen Städten Galiläas und Judäas und aus Jerusalem waren nach Kapernaum herbeigekommen. Sie hatten sich versammelt, um selbst diese wunderbaren Dinge zu schauen, die sich ereignet haben sollten. Die Stimme Johannes des Täufers war durch alle Lande gedrungen und hatte dem Volke verkündet, dass bald ein Prophet aufstehen würde, dessen Schuhriemen zu lösen er nicht wert wäre. Während noch der Täufer diese Botschaft verkündete, erschien der Prophet schon selbst in den nördlichen Teilen des Landes. Und alle diese wunderbaren Dinge wurden überall umher erzählt.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten waren nun nach Kapernaum gekommen, um die Berichte selbst zu prüfen, die überall verbreitet wurden. Das Haus, in dem sie sich versammelt hatten, war erdrückend voll, und die weisen Männer horchten auf die Lehren des Heilandes. Viele von ihnen glaubten schwerlich ein Wort von dem, was Er sagte. Einige mögen allerdings gläubig gewesen sein; vielleicht waren Nikodemus und Joseph von Arimathia zugegen, aber jedenfalls kannte man sie noch nicht als Jünger Jesu.

Der Schreiber des Evangeliums sagt: „Und die Kraft des HErrn ging von Ihm und half Jedermann.“ Und doch wird uns nicht erzählt, dass einem von diesen weisen Männern geholfen wurde. Und so ist es auch jetzt oft. Die Kraft des HErrn mag auch in unsern Versammlungen gegenwärtig sein, um zu heilen. Aber Viele werden kommen und gehen und sich verwundert fragen, was das Alles eigentlich sagen wolle, doch ohne von ihrem geistigen Siechtum geheilt zu werden. Und dennoch ist es die Kraft des HErrn vor Allem, die wir in unsrer Mitte brauchen.

Es kam jüngst ein Mann in eine unsrer Versammlungen in London. Er geriet in eine Abteilung der Halle, wo er kein Wort von dem, was gesprochen und gesungen wurde, verstehen konnte. Nicht einmal den Text oder die Schriftstelle, die vorgelesen wurden, konnte er verstehen. Und so saß er während des ganzen Gottesdienstes sozusagen abgeschlossen mit sich selbst allein. Kurze Zeit nachher erzählte er Jemand, dass, als er so in sich versunken dagesessen habe, Gott Selbst Sich ihm offenbart und ihm Frieden in seine Seele hineingesprochen habe. Das war so ein Fall, wo die Kraft Gottes gegenwärtig war, um zu heilen, selbst wenn die Menschen die Stimme ihres Mitmenschen nicht verstehen können.

Diese vier Männer waren wirkliche Arbeiter für den HErrn. Sie waren mehr wert, als ein ganzes Haus voll Pharisäer und Schriftgelehrter, die doch nur gekommen waren, um aufzupassen und zu tadeln. Ich weiß nicht, wer diese vier Männer waren, aber ich habe immer eine große Bewunderung für sie empfunden. Einer von ihnen war vielleicht blind, und der HErr hatte ihm sein Gesicht wiedergegeben. Der Andre mag lahm gewesen sein von Mutterleibe an, und als der Meister ihm seine Kraft zurückgab, dachte er wohl: „Nun will ich sie dazu nutzen, Andern den Weg zu Jesu zu zeigen, damit sie auch gesund werden.“ Der Dritte war vielleicht Einer, der vom Aussatz rein geworden war, der nun gern helfen wollte, um auch einen andern Unglücklichen heilen zu lassen. Der Vierte ist möglicherweise taubstumm gewesen, und er dachte nun, sein Gehör und seine Sprache zu brauchen, um Andern zu helfen. Diese vier Neubekehrten beschlossen untereinander: „Wir wollen unsern kranken Nachbar zu Christo bringen!“ Der Gichtbrüchige sagte vielleicht, er habe keinen Glauben, kein Vertrauen zu Christo.

Aber die vier Männer erzählten ihm, wie sie geheilt worden seien, und dass, so gut der HErr sie hätte heilen können, Er gewiss auch einen gichtbrüchigen Mann gesund machen könne.

Nun scheint mir's, als ob nichts auf der Welt einen Menschen so sicher erwecken könnte, als wenn vier Leute an einem Tage hinter ihm her sind. Man ist oft ängstlich, dass man sich einander ins Gehege kommen könne, wenn zufällig mehr als ein Arbeiter dasselbe Haus besucht. Ich für mein Teil wünschte, dass jede Familie gegen 40 Einladungen zu jeder Versammlung erhielte.

Neulich hörte ich von einem Mann, der weder ein Kirchgänger war noch auch an die Bibel oder sonst religiöse Dinge glaubte. Irgend Jemand, der Einlasskarten verteilte, fragte ihn, ob er nicht in die Versammlung gehen wolle. Er wurde ganz böse. „Nein, er würde nicht gehen; er glaubte durchaus nicht an diese Dinge. Ihn würde man nie unter solchen Menschen treffen.“ Ein Zweiter kam des Weges, ahnungslos, dass ihm schon Jemand zuvorgekommen war, und fragte, ob er nicht eine Karte zu der Versammlung haben wollte. Der Mann war noch ärgerlich und machte ihm seinen Standpunkt klar, wie man in Deutschland sagt. Er riet ihm, seine Karte für sich zu behalten. Nach einer Weile besuchte ihn ein Dritter und fragte: „Wollen Sie nicht eine Karte für diese Versammlungen?“ Diesmal war der Mann schon völlig aufgerüttelt, aber dennoch weigerte er sich, ein Billett zu nehmen. Er ging in einen Laden, um sich etwas zu kaufen. Der Verkäufer im Laden steckte eine Karte für die Versammlungen in das Paket. Als der Käufer nach Hause kam und das Paket öffnete, fiel ihm die Karte daraus entgegen. Er wurde dadurch so bestimmt, dass er zwar nicht in unsre Versammlung, wohl aber in die Kirche ging. Ich weiß nicht, ob er ganz von seinem alten Aberglauben losgekommen ist, aber jedenfalls glaube ich, dass er sich in einem hoffnungsvollen Zustande befindet.

Wenn ein Besuch einen Menschen, den du gern zum HErrn bringen möchtest, nicht erweckt, so schicke ihm einen zweiten Besucher, wenn das nicht hilft, einen dritten und einen vierten, einen fünften, einen sechsten, einen siebenten, und so weiter, Tag für Tag einen. Es ist ein großer Gewinn, eine Menschenseele zu retten, den Sünder aus der Grube herauszuholen, seine Füße auf den Felsen zu stellen und ihm ein neues Lied in den Mund zu geben. Lass dich die Mühe nicht verdrießen! Nichts wird diese Menschen schneller aufwecken, als wenn eine Anzahl von Freunden sich um sie bekümmert. Wenn du ihn nicht allein herumbringen kannst, bitte Andre, dass sie dir helfen.

Diese vier Leute fanden ein Hindernis auf ihrem Wege. Die Tür des Hauses war versperrt, und sie konnten dem HErrn nicht nahe kommen. Sie mögen einige dieser Philosophen gebeten haben, ein wenig bei Seite zu treten, aber nein, das taten sie nicht. Sie wollten sich doch um eines kranken Mannes willen nicht stören lassen. Viele Leute werden selbst nicht in das Reich Gottes kommen, aber sie werden auch andre hindern, hineinzukommen. Nachdem diese vier Männer wahrscheinlich eine Weile umsonst versucht hatten, hineinzukommen, begannen sie einen Plan zu entwerfen. Wenn das Einem von uns widerfahren wäre, würden wir wahrscheinlich ganz entmutigt worden sein und hätten gewiss den Mann wieder nach Hause zurückgetragen.

Aber diese vier Männer hatten Glauben und Ausdauer dazu. Auf irgendeine Weise würden sie ihren Freund zu Christus bringen, das stand fest. Ist der Weg durch die Tür ihnen verlegt, so werden sie einen Weg für ihn durchs Dach finden. „Sie eifern mit Unverstand,“ sagten vielleicht die Leute, aber mir wäre das lieber als Verstand ohne Eifer. Und nun konnte man sehen, wie sie zu schleppen hatten, und wie sie unter der Last keuchten. Wenn man jemals versucht hat, einen verwundeten Mann eine hohe Treppe hinaufzutragen, dann wird man wissen, dass es keine leichte Sache ist. Aber diese vier Männer ließen sich's nicht verdrießen, und endlich liegt der kranke Mann da oben auf dem Dach.

Nun war die Frage: „Wie bekommen wir ihn nur hinunter?“ Sie fingen an die Dachziegel aufzureißen. Ich kann mir wohl vorstellen, wie diese weisen Männer von unten herausschauen und zueinander sagen: „Das ist doch ein sonderbares Unternehmen; niemals haben wir dergleichen im Tempel oder in irgendeiner Synagoge erlebt, in der wir gewesen. Das verstößt entschieden gänzlich gegen die hergebrachte Ordnung. Diese Leute lassen sich von ihrem blinden Eifer hinreißen. Was haben sie nur gemacht? - Ein Loch, so groß, dass man einen Mann hindurchlassen könnte! Lasst mal jetzt einen plötzlichen Regenguss kommen, das ganze Haus würde verdorben werden!“

Aber diese vier Arbeiter nahmen es furchtbar ernst mit der Sache. Sie ließen die Bahre, auf der der Mann lag, in das Gemach hinunter. Sie legten ihren Freund unmittelbar zu Jesu Füßen. Das war ein guter Platz für ihn, nicht wahr? Vielleicht hat Einer von euch einen zweifelsüchtigen Sohn oder einen ungläubigen Gatten oder ein andres Familienglied, das über die Bibel spottet oder das Christentum verhöhnt. Legt ihn nur getrost zu Jesu Füßen! Er wird eurem Glauben den Lohn nicht versagen.

„Als Er ihren Glauben sah.“ - Ich denke mir, diese Männer blickten voll Erwartung hinunter, was nun weiter geschehen würde. Christus schaute auf zu ihnen, und als Er ihren Glauben sah, sprach Er zu dem Gichtbrüchigen: „Sei getrost, Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Das war mehr, als sie erwartet hatten. Sie hatten nur auf die Heilung seines Leibes gehofft. So lasst uns denn auch unsre Freunde zu Jesu bringen, und wir werden mehr bekommen, als wir erwarten. Der HErr begegnete dieses Mannes innerstem Bedürfnis zuerst. Vielleicht war die Sicht Folge seiner Sünden. Und so vergab der HErr ihm zuallererst seine Sünden.

Die weisen Männer begannen nun innerlich zu murren: „Wer kann Sünden vergeben, denn allein Gott?“ Aber der HErr konnte ihre Gedanken ebenso leicht lesen, wie wir ein Buch lesen: „Welches ist leichter, zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Stehe auf und wandle? Auf dass ihr aber wisst, dass des Menschen Sohn Macht hat auf Erden, Sünden zu vergeben, (sprach Er zu dem Gichtbrüchigen:) Ich sage dir, stehe auf, hebe dein Bettlein auf und gehe heim!“ Alsbald sprang der Mann auf seine Füße und war geheilt. Er rollte sein altes Bett zusammen, warf es sich über die Schulter und ging heim. Zuversichtlich standen jetzt diese Schriftgelehrten, die ihn erst nicht hatten hineinlassen wollen, hübsch still bei Seite, um ihn hinauszulassen. Nun war es nicht mehr nötig, den Weg durch das Dach zu nehmen. Er ging nun ohne Hülfe einfach zur Tür hinaus.

Liebe Freunde, wir wollen Glauben haben für die, die wir zu Christo bringen. Lasst uns für sie glauben, wenn sie nicht für sich selbst glauben. Vielleicht ist hier Mancher, der nicht an die Bibel oder an das Evangelium vom Gottessohn glaubt. Lasst sie uns auf den Armen unsers Glaubens zum HErrn bringen! Er ist unveränderlich, „gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Lasst uns aufschauen und große Dinge von Ihm erwarten, dass Er die Toten erweckt, die Gefallenen begnadet, die Sünder vom ewigen Tode errettet und die Teufel austreibt. Ich glaube, die Menschen sind heutigen Tages noch ebenso von bösen Geistern besessen als in jenen Tagen, da der Sohn Gottes auf Erden wandelte. Wir müssen sie geraden Wegs zum Herrn Jesu Christo bringen, dass Er sie heilen und erlösen möge. Wir wollen doch diesen fluchbelasteten Unglauben aus dem Wege räumen und wie ein Mann zu Gott treten und von Ihm erbitten, dass in Jesu Namen Zeichen und Wunder geschehen möchten. Er kann auch heute noch Wunder tun, und Er wird es, wenn wir Ihn nur bitten, Seine Verheißungen zu erfüllen: Unser Gott, den wir ehren, kann uns wohl erretten. Denn es ist kein andrer Gott, der also erretten kann, als dieser!“ (Dan. 3, 17. 29.)

Wenn hier ein unbekehrter Mensch ist - Gott hat die Macht, ihn noch heute von seinen Sünden zu erretten. Wenn ihr bekehrt werden wollt, kommt nur ohne Bedenken zum Meister, wie es der Aussätzige damals getan. Er sprach: „HErr, so Du willst, kannst Du mich wohl reinigen!“ Christus nahm seinen Glauben an und sprach: „Ich will es tun, sei gereinigt!“ Merkt wohl, der Mann stellt das Wörtchen „wenn“ auf die rechte Stelle: Wenn Du willst. Er zweifelt nicht an der Macht des Gottessohnes. Jener Vater, der seinen Sohn zu Christus brachte, sagte: „Kannst Du aber was, so erbarme Dich unser und hilf uns!“ Der HErr aber berichtigt seine Theologie sofort: „Wenn du könntest glauben! (Mark. 9, 22. 23.) Mutter, kannst du für deinen Sohn glauben? Wenn du kannst, wird der HErr das Wort sprechen, und es wird geschehen nach deinem Glauben.

Wie gut würde es für uns sein, wenn wir uns geraden Wegs zu den Füßen des HErrn niederwürfen, gleich jener armen Frau, die zu Elisa kam und ihm von ihrem toten Kinde erzählte! Er gebot seinem Knecht, seinen Stab zu nehmen und denselben auf das tote Kind zu legen. Aber die Mutter wollte den Propheten nicht verlassen. Er befahl ihr, mit seinem Knecht zu gehen. Aber sie wollte sich weder mit dem Stab des Propheten noch selbst mit seinem Knecht zufrieden geben; sie brauchte den Meister selbst. Und so ging denn Elisa mit ihr. Und es war gut, dass er das tat, denn der Knecht hätte das Kind nicht auferwecken können.

Wir müssen auch an dem Stab und dem Knecht vorbei geraden Wegs an das Herz unsers Heilandes selbst gehen. Lasst uns unsre lahmen Freunde zu Ihm bringen. Es wird vom HErrn gesagt, dass Er an einem Ort nicht viele Zeichen tun konnte um ihres Unglaubens willen. Lasst uns zu Ihm flehen, dass Er diesen fluchwürdigen Unglauben von uns nehmen wolle, der den Segen hindert herabzuströmen, dass die an der Gicht der Sünde Erkrankten gerettet werden könnten.

Der Glaube, der in Liebe schafft
Und klärt des Herzens Wollen,
Ist Vorschmack jener Gotteskraft,
Die wir einst teilen sollen.
Er trägt durch Erdenkampf und Streit,
Führt siegend in die Ewigkeit. Dwight L. Moody - Belohnter Glaube